Die Boeren, Gott, die Bibel, Kanaan und die Hottentotten
Über die biblischen Ursprünge der Apartheid, auch in Namibia von 1948 bis 1989 offizielle Regierungspraktik, hat schon Uwe Timm in seinem Buch von 1978, Morenga, das wichtigste zusammengefasst. Gott habe den christlichen Boeren als den Erben Israels zum Herrn über Leben und Tod der verfluchten Nachkommen Kanaans bis in ihr jüngstes Glied, das sind die Eingeborenen Südafrikas, gesetzt — so höchstwahrscheinlich immer noch die heimliche Haltung der meisten Boeren. An dieser Auffassung hänge der Boere um fester, je beschränkter und rassenstolzer er sei. Das ist wohl auch noch nicht obsolet.
- Bericht an die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften über eine Forschungsreise von Dr. Leonhardt Brunkhorst, a.o. Professor an der Universität Greifswald in den Jahren von 1903 bis 1905. Das Verhältnis der Hottentotten zu fremden Menschenrassen.
- Morenga, Uwe Timm; 1985 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln / Germany; Seite 316 ff
Seit Jahrhunderten haben die Hottentotten mit den Buren Kontakt, und zwar derart, daß sie von diesen weißen Kulturpionieren Südafrikas meist als Sklaven gehalten wurden. Noch heute bezeichnet der Bur den Hottentotten schlechtweg als schepsel, d.h. als ein Geschöpf im Sinne eines Wesens, das nun einmal neben ihm noch existiert wie so manches andere Unverständliche oder Uberflüssige in der Welt. Oder er nennt den Hottentotten geel goed, gelbe Ware, die man wie Vieh einspannen oder verhandeln kann. Die Gewohnheit, Hottentottenkinder aufzugreifen und aufzuziehen, groot maak, heute weniger lohnend als früher, da der Hausherr noch über Leben und Tod seiner Leibeigenen frei verfügte und Ungehorsam oder Entlaufen kurzerhand mit Erschießen bestrafte. Daß ihm die nachdrängende Kultur, getragen von der englischen Verwaltung, diese alten Gewohnheitsrechte genommen hat, ist dem Burentypus, den ich im Klein-Namaland kennenlernte, ein Hauptmotiv, die englische Herrschaft (die ihn im übrigen so frei als nur denkbar gewähren läßt) zu verabscheuen.
Diese Buren waren komisch enttäuscht, als sie erfuhren, daß auch auf deutschem Gebiet, in das sie auswandern wollten, der Hottentotte gewisse Rechte habe. Näher mit den Buren bekannt geworden, suchte ich mir im Gesprach Aufklärung daruber zu verschaffen, wie wohl in ihren Augen der Gott, vor dem sie dreimal am Tage auf den Knien liegen, ihre Auffasaung der Nächstenliebe farbigen Menschen gegenüber ansehen möge? Man verwies mich auf die Bibel. Ich würde ihre Argumentation aus dem alten Testament nicht ernst genommen haben, wenn sie mir nicht so ernst vorgetragen worden wäre und sich in der Tat, auch an anderem Ort, als Richtschnur ihres Handelns erwiesen hätte: Im neunten Kapitel der Genesis verflucht Noah den Sohn Hams, Kanaan, und seine Nachkommen zur Knechtschaft. Der Bur dehnt diesen Fluch auf alle Hamiten aus, den Hottentotten rechnet er dazu, sieht also in ihm einen geborenen Sklaven. Wer ist nun der Herr, den Gott über sie gesetzt hat? Was das Volk Israel im alten Bunde war, das ist der Christ im neuen. Im 7. Kapitel des 5. Buches Mose wird die Austilgung der Kanaaniter geboten. So hat Gott den christlichen Buren als den Erben Israels zum Herrn über Leben und Tod der verfluchten Nachkommen Kanaans bis in ihr jüngstes Glied (das sind die Eingeborenen Südafrikas) gesetzt. An dieser Auffassung hängt der Bure um fester, je beschrankter und rassenstolzer er ist. Den freier Denkenden unter den Buren ist diese Art Evangelium ein Deckmäntelchen, das selbst am klarsten zeigt, was es verbergen soll: den maßlosen Egoismus des Buren, der bald dem Hottentotten nichts anderes übrig ließ, als den langsamen Würgekrieg auch seinerseits schonungslos zu führen. Wer in der gegebenen Situation die Oberhand hatte, handelte und handelt noch jetzt, wo das Gesetz nicht hinreicht, nach diesem Grundsatz.







So, Feb 3, 2008
Dossier Apartheid, Boeren, Genozid