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Im Schatten des Genozid

Sa, Jan 26, 2008

Dossier Genozid

Eberhard Hofmann, Redakteur der AZ-Namibia, bespricht das Buch der Genozid-Verfechter, das der Herausgeber und Koautor, Dr. Henning Melber, letzthin in Windhoek selbst vorgestellt hat: “Genozid und Gedenken – Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart. “

  • Genozid-These findet Niederschlag: Erinnerungskultur bleibt für staatliche und nichtstaatliche Akteure ein umkämpftes Terrain
    Eberhard Hoffman auf Namibiana Buchdepot, 03.03.06

Die Diskussion um den namibischen Kolonialkrieg 1904 – 1907 und die Benennung der militärischen Aktion des deutschen Kaiserreichs als ,,Völkermord” geht aktuell weiter. Eine Arbeitstagung im dänischen Odense über das Thema hat in dem Buch seinen Niederschlag gefunden, das der Herausgeber und Koautor, Dr. Henning Melber letzthin in Windhoek selbst vorgestellt hat:

Genozid und Gedenken – Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart.

Melber, Direktor des Nordischen Afrika-Instituts von Uppsala, bereitet das Feld zur Lektüre und Auseinandersetzung mit dem Thema wie folgt ein: ,,Wir führen diese Auseinandersetzung geleitet von unserer europäisch geprägten Perspektive und zuvorderst für uns selber, um Vergangenheit in der Gegenwart der Zukunft willen zu bearbeiten. Eine Stellvertreterfunktion für anders von den Folgen der Geschehnisse Betroffene maßen wir uns nicht an.” Mit dieser Aussage im Vorwort definiert Melber deutlich den Standort der acht beteiligten Autoren und biegt somit Kritik ab, wo denn die anderen Stimmen sein könnten, die er als politisch-wissenschaftlicher Aktivist und Pendler zwischen zwei Kontinenten ansonsten weder ausgrenzt noch scheut.

Zumindest lässt diese Standortbestimmung, belegt durch sieben Essays zum Thema des Buchtitels, keinen Zweifel daran, dass sich die Autoren rückblickend alle einig sind, dass der Kolonialkrieg in ihren Augen Völkermord war. Dabei liegt generell das Bedürfnis zugrunde, den ,,kolonialen Genozid” als kausalen Ursprung mit dem Völkermord des Nazi-Regimes an den Juden zu verknüpfen.

Daraus erklärt sich weitgehend die Beharrlichkeit, mit der das Genozid-Dogma verfochten wird. Zimmerer schwächt diesen Zusammenhang jedoch etwas ab: ,,Sicherlich lassen sich die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht monokausal auf die Tradition des europäischen Kolonialismus zurückführen ?”

In diesem Rahmen spielt die Kongruenz historischer Details sodann kaum eine Rolle mehr. Der Autor Jürgen Zimmerer räumt im Beitrag ,,Rassenkrieg und Völkermord” zwar ein, dass der Schießbefehl Lothar von Trothas nach ,,einigen Wochen” wieder aufgehoben wurde. Der Leser sucht dann jedoch vergeblich nach einer Schilderung oder Belegen, ob und wo und mit welchen Verlusten für die Herero während der Wochen, da der Befehl in kraft war, die Intention in die blutige Tat umgesetzt wurde.

Der Band zeigt, wie die Wortwahl und also das Privileg der Definition einen Sachverhalt einfärben können. Melber schwächt die Ermordung des Hererochefs Clemens Kapuuo in einer Fußnote nachfolgend auf ,,Eliminierung” ab. War Anton Lubowskis Ermordung ebenfalls – in Anlehnung an den klinisch operativen Wortlaut der Geheimdienste – lediglich eine ,,Eliminierung?

Hilfreich sind in Zimmerers Beitrag die UN-Kriterien für den Tatbestand eines Völkermords. Politisch und moralisierend ist es möglich, diese Kriterien rückwirkend auf den Kolonialkrieg anzuwenden, wie es die Autoren tun. In dem Vorgang werden diejenigen, die sich dem Begriff nicht kritiklos verschreiben von den Genozid-Verfechtern leicht als Revisionisten abgetan. Im aktuellen Alltag haben die Verfechter noch mit der Schwierigkeit zu tun, dass sowohl die deutsche Bundesregierung als auch die namibische Regierung den Genozidbegriff nicht auf die juristische, beziehungsweise politische Handlungsebene heben wollen. Melber hat dazu bei der Vorstellung des Bands eingeräumt, dass sich die Bundesregierung einen Präzedenzfall nicht leisten könne, einem Schuldbekenntnis (wie das der Ministerin Wieczorek-Zeul im August 2004 auf Ohamakari) Reparationen folgen zu lassen. Wieviele Reparationsforderungen kämen dann auf alle ehemaligen Kolonialmächte zu?

Ein weiterer Autor, Reinhart Kößler, geht ,,im Schatten des Genozid” der Erinnerungspolitik in einer ,,extrem ungleichen Gesellschaft” (Namibia) nach. Er weist auf die angewandte Methodik hin: ,,Jedenfalls geht es beim Schreiben von Geschichte nicht ohne Interpretation und Auswahl aus dem Material.” So erklärt sich denn auch der ungehaltene Zorn eines anderen Autoren des Bandes, Christoph Marx, gegenüber Namibiern wie Heiner Schneider-Waterberg oder deutschen Historikern wie Andreas Eckl, die Material sammeln und veröffentlichen, das die angestrebte Unanfechtbarbeit der Genozid-These wieder in einen komplexeren Rahmen rückt.

Die Beiträge der acht Autoren bieten dem interessierten Leser den aktuellen und kontroversen Stand der Diskussion um die Erinnerungskultur aus deutsch-europäischer Perspektive mit vielen anregenden Überlegungen und Einblicken, wie bei Kößler. Schade, dass letzterer seinen Beitrag in allzu vielen verschraubten Schachtelsätzen unterbringt und damit den Zugriff erschwert.

Die Themen Herero-Identitäten im Rahmen ,,der Befreiungsbewegung an der Macht” (SWAPO), die bundesdeutsche Diskussion um die Reparationsklage, koloniales Unrecht im Rahmen jetzigen Völkerrechts sowie eine brisant-amüsante Polemik zur namibischen Diskussionskultur und Historiographie liefern brisanten Stoff und Anregung zur Debatte und Aufarbeitung, die ohne Frage weiter gehen. Jan-Bart Gewald, Henning Melber, Janntje Böhlke-Itzen, Malte Jaguttis und Christoph Marx führen hier die Feder.

Der Band schließt mit einer hilfreich ausführlichen Übersicht von Joachim Zeller zu den Veranstaltungen, die in Namibia und in Deutschland 2004 und 2005 zum Kriegsgedenken und zur Genozid-Debatte stattgefunden haben.

Diese Sammlung von Essays stellt allen Teilnehmern der Diskussion die brisante Herausforderung, dargebotene Lehrmeinungen vor dem Hintergrund der komplexen Geschichte zu prüfen, denn, wie Kößler es anspricht: ,,die ,,Vergangenheit und ihre Darstellung bleibt ein umkämpftes Terrain”

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