Apartheid und Zensur: Die Literaturpolizei strich Busen, Mandela und Coetzee
Mi, Mrz 25, 2009
Dossier Kunst, Südafrika
Die Aufklärungsfotos von Dr. Sommer in der Bravo waren während der Apartheidsjahre freizügiger als selbst die härtesten Männermagazine, die es damals in Südafrika, und damit auch in Südwestafrika/Namibia als fünfte Provinz Südafrikas bis 1990, zu kaufen gab. Denn die Apartheidsrepublik war ein totalitärer Überwachungsstaat. Es gab Zensur in jedem Lebensbereich. Jeder blanke Busen wurde mit Nippelsternen unkenntlich gemacht. Nackte (wohlgemerkt weiße) Frauen durften selbst von hinten nicht gezeigt werden. Der Film “The Wall” war komplett verboten, die Rambo-Filme natürlich nicht. Bilder von Nelson Mandela gab es nicht. Die Erwähnung seiner Existenz wurde einfach verboten, er war ja schließlich hinter den sieben Wellen. Nur die Bravo, die es damals in der deutschen Buchhandlung in Windhoek zu kaufen gab, haben die Zensoren übersehen. Deshalb sind viele deutschsprachige Namibier doch aufgeklärt.Â
Die Erinnerungen an die Praktiken und die Architektur der Apartheid sind subjektiv. Aber alle Freigeister erinnern sich an das beklemmende Gefühl der ständigen Überwachung, jeder wusste, dass alles, was gedruckt oder verfilmt wurde, vor der Freigabe zensiert wurde.Â

Das Buch von McDonald wird von einer ausführlichen Website begleitet. Es enthält unter anderem die Namen und Biographien der vierzig wichtigsten Zensoren, die nicht alle schnurrbarttragende, prüde Stumpfgeister mit Schere in der Hand, sondern zum Teil bekannte kapholländische Akademiker und Schriftsteller waren. Es gibt auf der Website auch eine suchbare Datenbank mit über 450 Zensurentscheidungen und ein PDF-Verzeichnis mit Scans der Originalbegründungen bei wichtigen Zensurentscheidungen gegen oder für Bücher. Abgerundet wird die Website mit einer Chronologie der politischen und kulturellen Geschichte zwischen 1910 (Gründung der Union of South Africa) und 1996 (Annahme der Verfassung des neuen Südafrikas, das die Zensur wieder abgeschafft hat).
Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie die Definitionen von Obszönität, Blasphemie und politischer Aufwiegelung der Aufrechterhaltung der christlichen Moral und der Verteidigung des Apartheid-Staates dienten. Das ist alles keine 20 Jahre her. Der letzte Roman, der in Südafrika verboten wurde, war Salman Rushdies “Satanische Verse”. Selbstgerechte Weltanschauung, die nicht bereit ist, offen für Neuerung der Moderne zu sein, verknöchert und geht unter. Das Buch ist ein eindringlicher Appell, immer weiter für Meinungsfreiheit und gegen Pressezensur zu kämpfen.







Ich habe der Bravo, die ich meinen Brüdern klaute und heimlich las, auch vieles zu verdanken…