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Auch eine Kindheit und Jugend im Arbeiter- und Bauernstaat

Sa, Jun 23, 2007

Dossier Apartheid, Deutsche Medien, Gesellschaft, Kommunismus, Kunst

So sieht es Sam Nujoma gerne in der Presse.

In einem Bericht, der erfreulicherweise in das DuMont-Reisetaschenbuch über Namibia aufgenommen wurde, erinnert sich ein Junge, der 1985 in die DDR gerettet wurde: »Erst kam ich nach Bellin (Landkreis Güstrow; H.H.) und dann nach Staßfurt. Deutsch haben wir schnell gelernt und auch viele Freunde gefunden… Es war eine sehr schöne Zeit. Wir haben sicher und gut gelebt.« Selbst Springers Hamburger Abendblatt urteilte 2003 in einem Artikel über das Jagdschloß Bellin, wo »die namibischen Kriegswaisen und Flüchtlingskinder… auf Betreiben von Margot Honecker… vorübergehend Heimat gefunden« hatten: »Das war für die Kinder… ein Segen«. Deshalb erhielt sie auch von dem damaligen Präsidenten der Republik Namibia, Sam Nujoma, im Dezember 2004 einen Brief nach Chile, in dem es heißt: »In Anerkennung unserer freundschaftlichen persönlichen Beziehungen und in Hochachtung für Sie und Ihren verstorbenen Ehemann, unseren lieben Freund, den hingeschiedenen Erich Honecker, der half, die Befreiung unseres Landes voranzubringen, und für Ihre Verdienste bei der Fürsorge um so viele namibische Bürger während des Befreiungskampfes habe ich das außergewöhnliche Vergnügen, Sie im Namen des Volkes und der Regierung der Republik Namibia einzuladen, den 15. Jahrestag der Unabhängigkeit mit Ihrer Anwesenheit zu beehren.

Den gleichen Sachverhalt kann man auch anders betrachten. Eine der damals so gesegneten, eine dieser Kriegswaisen und Flüchtlingskinder, eine deutschsprachige Namibierin, erzählt es wie unten sehr präzise und aktuell dargestellt. Das Buch dazu gibt es im Handel.

Zuhause bin ich aus Deutschland

Wenn sie in den Spiegel sah, an einem kalten norddeutschen Wintermorgen, dann war ihre schwarze Hautfarbe alles, was sie noch an Afrika erinnerte. Dabei war der Grund für ihren Aufenthalt im ostdeutschen Bellin in Mecklenburg-Vorpommern ein hochpolitischer: Gemeinsam mit 79 anderen Kindern aus dem südwestlichen Afrika sollte Lucia Engombe in der DDR zur „neuen Elite“ des im Unabhängigkeitskampf befindlichen Namibia ausgebildet werden – und irgendwann sollte sie auch dorthin zurückkehren, das wusste sie. Nur daran denken, das mochte sie nicht.

Lucia Engombe hält einen grauen Plastehefter in der Hand, darauf pranken Hammer und Zirkel. „Ich war nicht schlecht“, sagt sie und blättert in dem Ordner mit den Zeugnissen. Noten für Deutsch und Englisch stehen darin, die vorgedruckten Fachbezeichnungen „Fakultativ: Nadelarbeit“ und „Einführung in die sozialistische Produktion“, außerdem Beurteilungen wie: „Zu Fragen der aktuellen Politik und dem Geschehen im Süden Afrikas besitzt Lucia einen gut entwickelten Standpunkt“, darunter nebst Unterschrift der Hinweis: „Lödeburg, 1.7.88“.

  • Lucia Engombe sitzt auf dem Sofa in ihrem Haus im Windhoeker Stadtteil Khomasdal und breitet Erinnerungen um sich herum aus: Fotomappen, Zeugnisse und ein Tagebuch – Hinterlassenschaften aus elf Jahren DDR.


Fast ihre gesamte Kindheit und Jugend hat sie im Arbeiter- und Bauernstaat verbracht. Dabei ist sie – eigentlich – Afrikanerin. „Zuhause bin ich die aus Deutschland“, sagt sie und lacht. Im Nebenzimmer spielt ein Radio, Lucia bewohnt das Haus gemeinsam mit ihren jüngeren Schwestern, die sie mitversorgt. Bis hierhin, nach Khomasdal, war es ein weiter Weg für die 34-Jährige – „Eine deutsch-afrikanische Odyssee“, sagt sie selber.

Sieben Jahre alt war Lucia, als sie – mit insgesamt 79 weiteren Kindern – aus dem sambischen Lager Nyango in die DDR ausgeflogen wurde. In jenen deutschen Staat, der die damalige marxistisch geprägte Unabhängigkeitsbewegung und heutige Regierungspartei SWAPO im Kampf gegen die südafrikanischen Besatzer bereitwillig unterstützte. Mit Ost-Mark, Militärequipment – und der Aufnahme namibischer Kinder.

Nach Sambia war Lucia mit ihren Eltern geflohen – Ihr Vater, einer der Kämpfer der PLAN („Peoples’ Liberation Army of Namibia“), dem bewaffneten Arm der SWAPO, war bei den SWAPO-Führern in Ungnade gefallen und wurde unter Vorwänden später inhaftiert, ebenso ihre Mutter wegen angeblicher Beihilfe. Im Lager war die somit allein zurückgebliebene Lucia nur schlecht versorgt. Unterernährt und krank wie sie war, kam das Angebot aus der DDR für das junge Mädchen gerade recht: Für zunächst zwei Jahre sollten Kinder aus den Lagern in Sambia und Angola aufgenommen und gesundheitlich stabilisiert werden. Die kleine Lucia zählte zu den Glücklichen – und wurde aus der Hitze Afrikas in das kalte Mecklenburg-Vorpommern gebracht. Eine Reise, die ihr Leben verändern sollte:

Zuerst kam das Mädchen von damals sieben Jahren in das „Schloss Bellin“, ein Internat im Landkreis Güstrow, zunächst in einen Kindergarten. „Dort lernten wir: Was heißt ‚Ball’ auf Deutsch, wie stelle ich mich auf Deutsch vor, und so weiter. In der dritten Klasse dann auch namibische Sprachen und Traditionen“, erzählt die heute 34-jährige Lucia Engombe. Zu den „Traditionen“ gehörte auch das afrikanische Rollenbild von Männern und Frauen, bzw. was deren Platz in der Gesellschaft zu sein habe – wenn sie denn dorthin zurückkehren, irgendwann.
Auch afrikanische Tänze lernten die Kinder, von einer geduldigen ostdeutschen Kindergärtnerin, die einst mit ihrem Mann in Afrika lebte und mit glücklichen Augen von jener Zeit erzählte. Andere der Betreuerinnen und Betreuer hingegen hatten nie zuvor ein schwarzes Kind gesehen – und sollten dennoch dafür sorgen, dass diese zur neuen Elite des kommenden Staates Namibia erzogen werden.

„Die Sache mit der Ausbildung kam erst später“, erinnert sich Lucia. „Zuerst ging es darum, dass wir aus der Schusslinie und in Sicherheit kamen. Nach zwei Jahren entschied man sich, dass wir eine Ausbildung für künftige Aufgaben und Führungspositionen in Namibia bekommen sollten.“ – Eine Ausbildung, die von den linientreuen DDR-Erzieherinnen ganz im Sinne der ebenfalls marxistisch ausgerichteten SWAPO vorgenommen wurde, und sogar Fragen der Kriegsführung beeinhaltete – theoretisch wie praktisch. „Wir lernten nicht nur Strategien in Kriegsführung, sondern übten auch, wie man ein Gewehr benutzt. Ich erinnere mich noch an Schießübungen in der sechsten Klasse – Davor hatten wir nur ein Plastikgewehr“, sagt Lucia mit einer abwinkenden Handbewegung.

Streng überwacht wurde das Ganze von einigen SWAPO-Vetretern, die ebenfalls am Ort waren, und zum Beispiel militärische Geländeübungen mit den Kindern machten. „Teacher Jonas, ein SWAPO-Lehrer, hatte mich ‚Verräter-Kind’ geschimpft“, erinnert sich Lucia. „Weil mein Vater sich gegen die SWAPO-Führer gewandt hatte. Einmal gab er mir im Heim eine Ohrfeige und schrie, dass ich mein Bett gefälligst richtig beziehen solle. Danach war er eine Weile nicht mehr im Heim zu sehen, und es hieß, er mache eine Fortbildung in Rostock. Also machte dann eine deutsche Lehrerin mit uns die Übungen.“ Die Lehrerin, Meme Paula genannt, holte die Schüler an der Klassentür ab wie zum Klassenausflug und ging mit den Kindern in den nahegelegenen Wald. „Vorbei an der Haltestelle des Schulbusses und am ‚Konsum’, dem einzigen Geschäft im Ort“, erzählt Lucia.

Dann machte sie mit den Kindern Geländeübungen. „Wir murrten, weil wir nicht gerne die Geländeübungen machten, aber sie sagte: ‚Wir müssen das machen – Sonst kriegen wir Ärger mit der SWAPO!’“ Also rief sie: ‚Was würdet ihr machen, wenn jetzt ein Flugzeug käme?!“ Daraufhin liefen die Kinder blitzartig in die Büsche und hinter die Bäume. „Sehr gut!“, lobte Lehrerin Paula. „Und wie tarnt sich ein Soldat?“ – Manche der Kinder wussten keine Antwort, aber Timmy, eine Mitschülerin von Lucia, griff sich eilig ein paar Reisige und hielt sie sich über den Kopf. „Ihr Anderen wäret jetzt tot“, sagte Lehrerin Paula ernsthaft. Dann robbte man noch ein wenig über den nassen Waldboden, spielte Sackhüpfen und „Left and right turn“, unterteilt in Gruppen mit den Namen Blau, Rot und Grün – die Farben der SWAPO. Später riss man die Schüler sogar zu „Nachtmanövern“ aus dem Schlaf, das war schon in der Zeit, als die „DDR-Kinder“ die „zehnklassige allgemeine Polytechnische Oberschule“ in Staßfurt besuchten.

Ansonsten aber war diese Einrichtung eine normale Regelschule, mit gewöhnlichem Unterricht und einer normalen Schulzeit für die heranwachsenden „DDR-Kinder“ – inklusive Hausaufgaben, Strafarbeiten, ersten Lieben und gemeinschaftlichem Eisessen im Ort. Schon bald hatten die ehemaligen Flüchtlingskinder ihre afrikanische Vergangenheit vergessen. Manchmal konnten sie sich über Post aus dem weit entfernten Zuhause freuen – aber eben nicht anders als gewöhnliche deutsche Internatsschüler.

Dennoch waren die drei „afrikanischen“ Klassen, die da in der Polytechnischen Oberschule unterrichtet wurden, etwas Besonderes. Das merkten die Kinder nicht zuletzt an der Aufmerksamkeit, die ihnen von offizieller Seite zuteil wurde. Sogar hohen Besuch bekamen sie manchmal. Mal von SWAPO-Delegationen, mal sogar von Sam Nujoma, dem Anführer der Unabhängigkeitsbewegung und späteren Präsidenten. Dem tanzten die aufgeregten Kinder dann in blau-rot-grünen Tanzröckchen etwas vor und lauschten andächtig einer Rede Nujomas, der sie als „meine Soldaten“ ansprach und ihnen einschärfte, sie seien „die Elite des neuen Namibia“. „Viva Nujoma!“, riefen die Kinder daraufhin – wie zuvor einstudiert – und ließen die SWAPO gleichfalls hochleben.

Überhaupt hatten Nujomas kleine ostdeutsche „Soldaten“ den SWAPO-Gruß sorgsam eingeübt: die rechte Hand schrägt nach oben gerichtet an die Stirn, der Daumen berührt die Stirn, die Finger sind ausgestreckt. Grüßte man falsch, gab es eine Ohrfeige. Als die „DDR-Kinder“ zu „Pionieren des 19. April“, tauschten sie ihre Ernst-Thälmann-Halstücher gegen die blauen mit den blau-rot-grünen Streifen Streifen der „SWAPO-Pioneer-League“. Wofür diese Farben, die auch die Parteifarben der SWAPO sind, stehen, hatte man den Schülern genau eingeschärft:

  • „Das Blau ist die Farbe der Flüsse in Namibia, das Rot ist das Blut unserer im Krieg gefallenen Soldaten, Grün die Farbe der Wiesen in Namibia“, konnten sie eifrig herbeten, wenn sie von ihren Lehrern gefragt wurden.

Es sollte der Tag kommen, da zierten diese Farben tatsächlich die Flagge des neuen und unabhängigen Namibia. „Südwestafrika“ war Geschichte, und nach Wahlen unter UN-Aufsicht war Sam Nujoma zum ersten Staatspräsidenten des Landes gewählt worden, während im weit entfernten Deutschland zuvor die Mauer gefallen und somit letztlich die DDR zusammengebrochen war. Es war eine Zeit der Veränderungen: Hüben waren die Schlachten der PLAN-Kämpfer mit den südafrikanischen Besatzern längst geschlagen und die SWAPO besetzte nun also die Schaltstellen der Macht, und drüben
hatten die ostdeutschen Lehrern das Fach „Staatsbürgerkunde“ mit geschwungenen Kugelschreiberstrichen aus den Zeugnissen ihrer afrikanischen Schüler getilgt und es von Hand in „Gesellschaftskunde“ umbenannt – Eine der letzten Eintragungen auch im Hammer-und-Zirkel-Zeugnishefter von Lucia Engombe, die – nun 17-jährig – wie ihre Mitschüler mehr als ihr halbes Leben in der DDR verbracht hatte, die es, im Jahr 1990, nicht mehr gab.

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