Bundesdeutsche Ratlosigkeit gegenüber Herero 2005
Auf der Homepage der Inwent über Namibia ist ein PDF-Archiv des Artikels “Festgefahren” aus der afrika süd Nr.6, 2005, von Joachim Zeller, gepostet. Der Autor schildert die bundesdeutsche Ratlosigkeit angesichts der vorläufig gescheiterten Versöhnungsinitiative zwischen Namibia und Deutschland und wie vor allem die deutsche Zivilgesellschaft in repräsentativer Weise in den Versöhnungsdialog einzubinden sei.
Es ist ein Markstein in den namibisch-deutschen Beziehungen. Mitte
August 2004 hatte sich die Bundesministerin für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung Heidemarie Wieczorek-Zeul in ihrer auf
Ohamakari am Waterberg gehaltenen Rede im Namen der
Bundesregierung offiziell für die deutschen Kolonialverbrechen
entschuldigt. Einig war man sich allerdings auch darüber, dass die
Gedenkfeiern zum hundertsten Jahrestag des Völkermordes an den Herero
und Nama nicht den Schlusspunkt, sondern den Beginn eines
Versöhnungsdialoges markieren sollten. Doch was ist seither geschehen?
In Namibia wie in Deutschland häuften sich in den letzten Monaten die
Klagen, der angestrebte Versöhnungsdialog laufe nur schleppend, ja er sei
zu einem Stillstand gekommen.Zunächst positiv zu vermelden ist, abgesehen von der Errichtung eines
Herero-Kulturzentrums bei Okakarara – ähnliche Zentren sind für die
Nama in Gibeon und die Damara in Usakos geplant -, die Gründung der
Namibian-German Initiative for Reconciliation and Development (IRD).
Finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (BMZ), wurde in Windhoek ein Büro eingerichtet und ein
Programmkoordinator ernannt, der den Auftrag erhielt, mit den
betroffenen Bevölkerungsgruppen des Landes informelle Gespräche zu
führen.Zu den bisherigen Gesprächspartnern gehörten neben der namibischen
Regierung die Vertreter der verschiedenen Herero-Gruppierungen,
darunter der Paramount-Chief Kuaima Riruako, und die traditionellen
Führer der sechs Royal Houses of the Ovaherero/Ovambanderu, die
Repräsentanten der 13 Nama-Communities, der Damara und der Namibia-
Deutschen. In die Gesprächsrunden miteinbezogen werden sollen
zukünftig die San, da einige San-Führer wiederholt geäußert hatten, dass
auch sie sich als Opfer der deutschen Kolonialherrschaft betrachten. Um
die „Wunden aus der Vergangenheit“ zu heilen und einen „Beitrag zur
Nationsbildung“ in Namibia zu leisten, ist schließlich die Einbindung
weiterer Gruppen der namibischen Zivilgesellschaft in den Dialog geplant,
so Frauen- und Kirchengruppen und NRO.Im Mai 2005 gab Bundesministerin Wieczorek-Zeul bekannt, die
Versöhnungsinitiative mit 20 Millionen Euro ausstatten zu wollen. Verteilt
auf die nächsten zehn Jahre, sollen die finanziellen Mittel für konkrete
Entwicklungsprojekte in den Siedlungsgebieten der betroffenen
Bevölkerungsgruppen eingesetzt werden, unter anderem für kommunale
Infrastruktur, Ausbildung, Kulturförderung und -austausch.So weit so gut. In Namibia polemisierte Riruako gegen die Initiative als
eine Show-Veranstaltung. Allerdings sind dessen Äußerungen nur vor dem
Hintergrund nachvollziehbar, dass bei dem Herero-Chief allein
Reparationen in Form von Nettozahlungen als angemessene Maßnahme
Anerkennung finden würden, ein Ansinnen, das auch von der neuen
Bundesregierung in Berlin strikt abgelehnt wird.Um den Druck aufrecht zu erhalten, forderte Riruako im August in
Windhoek bei einer von ihm angeführten Herero-Demonstration die
namibische Regierung auf, gegen einen ständigen Sitz für Deutschland im
UN-Sicherheitsrat zu stimmen. Zur Begründung sagte er, Deutschland
stehe nach dem Holocaust und dem Völkermord an den Herero eine solche
Position nicht zu.Nicht zu übersehen war die Zurückhaltung der Swapo-Regierung, die
lange Zeit überhaupt nicht auf das Angebot von Ministerin Wieczorek-Zeul
reagierte. Dabei ist die skeptische Haltung Windhoeks in Bezug auf
finanzielle Zahlungen, die über die offizielle Entwicklungshilfe
hinausgehen, bekannt. Die namibische Regierung möchte die alleinige
Kontrolle in diesem Bereich behalten wie sie stets die Behauptung im
Munde führt, dass gesonderte Wiedergutmachungszahlungen an die
Herero die ethnischen Spannungen im Lande verschärfen würden. Dieses
Argument ist regelmäßig auch aus den Reihen der Namibia-Deutschen zu
vernehmen. Dabei zeigen sich viele von ihnen eher desinteressiert an
einer kritischen Aufarbeitung der Kolonialgeschichte, zumal, so die
Auffassung, das Thema nach dem Gedenkjahr 2004 „nicht mehr auf der
Tagesordnung stehe“.Ganz anders fiel das Echo auf die Versöhnungsinitiative in Deutschland
aus. Hier kritisieren Vertreter von Namibia- und Eine-Welt-Gruppen, dass
die bundesdeutsche Zivilgesellschaft bisher in keiner Weise in den
Diskussionsprozess eingebunden wurde. Der Initiative wird vorgehalten,
eine reine Regierungsveranstaltung zu sein; die interessierte Öffentlichkeit
habe keine Gelegenheit gehabt, an dem Dialog zu partizipieren. Im
Windhoeker IRD-Büro wird dagegen achselzuckend darauf verwiesen, dass
man die Aufgabe habe, vor Ort zu arbeiten. Mit Vertretern deutscher
Organisationen zu sprechen, wäre technisch gar nicht leistbar und würde
auch den Finanzrahmen der Initiative sprengen. Im Übrigen müsse die
Initiative erst durch Verhandlungen mit der namibischen Regierung formal
implementiert werden, anschließend könne man über eine stärkere
Öffentlichkeitsarbeit reden.Zu dem vorläufigen Tiefpunkt der Versöhnungsinitiative kam es, als sich
der namibische Präsident Hifikepunye Pohamba bei seinem Staatsbesuch
in Deutschland Ende November überraschend weigerte, den gemeinsamen
deutsch-namibischen Vertragstext zu unterzeichnen. Pohamba verwies zur
Begründung auf die „mangelnden Konsultationen“ sowohl zwischen den
beiden Regierungen als auch innerhalb seines Landes. Bundesministerin
Wieczorek-Zeul zeigte sich darüber verwundert und äußerte gegenüber
der Presse, die betreffende Erklärung sei gemeinsam vom
Bundesentwicklungsministerium und dem namibischen Außenministerium
ausgearbeitet worden.Trotz ihrer Enttäuschung gab sich Wieczorek-Zeul gelassen: „Die
namibische Seite hat noch Gesprächsbedarf, ich sehe das also ganz
entspannt.“ Schenkt man ihren Worten Glauben, ist es nur eine Frage der
Zeit, bis das Abkommen unterzeichnet werde. Die in Windhoek
erscheinende Allgemeine Zeitung (AZ) spekulierte daraufhin über die
Gründe, die Pohamba zu seiner Abfuhr bewegt haben mögen. Nicht ganz
zu Unrecht sieht die AZ einen Machtpoker um die Verteilung der
finanziellen Mittel unter ausgewählten ethnischen Gruppen. Aber auch die
Höhe der Finanzspritze könnte den Ausschlag für das Nein gegeben haben.
So ist also die Situation gegenwärtig ziemlich verfahren und alles andere
als zufriedenstellend. Zunächst beendet werden muss das Hickhack auf
Regierungsebene. Es wäre fatal, wenn der Versöhnungsprozess dadurch
Schaden nehmen würde. Richtig ist und bleibt die Forderung, die deutsche
Zivilgesellschaft in repräsentativer Weise in den Versöhnungsdialog
einzubinden, um nicht zuletzt der oft beklagten kolonialen Amnesie
hierzulande entgegenzuwirken. Und in Namibia ist einmal mehr deutlich
geworden, wie schwierig sich auch weiterhin der Weg einer von allen
gesellschaftlichen Gruppen geforderten „nachhaltigen Versöhnungspraxis“
gestalten wird. Doch trotz divergierender (partei-)politischer Interessen
und soziokultureller Verwerfungen als Folge von Kolonialismus und
Apartheid gibt es keine Alternative zu dem Ringen um Versöhnung. Das
Predigen von Versöhnung bringt allein noch nicht ans Ziel.
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Sa, Apr 15, 2006
Dossier Deutschland, Genozid, etc