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Deutsch in Namibia: Der Genitiv ist schon lange tot

Di, Dez 16, 2008

Dossier Südwester, etc

Prof. Dr. Hans-Volker Gretschel, Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der namibischen Universität (UNAM) in Windhoek und Leiter die Germanistik, kann auch unbequeme Wahrheiten aussprechen, ohne unhöflich zu werden. Und Dinge auf den Punkt bringen.

Wie in folgendem Artikel über deutschsprachige Namibier, ihre Sprache und ihr Verhältnis zu Bundesdeutschen. Gretschel liefert in diesem Artikel die treffendste Beschreibung des Südwesterdeutschen/Namslangs hinsichtlich Grammatik und Intonation, die bisher aufgestellt wurde — eigentlich logisch, so viele Professoren der Germanstik gibt es Namibia nun auch wieder nicht. 

Gut, dass Gretschel gleich an Anfang die Sympathiewerte von Bundesdeutschen in Namibia erhellt …

[...] Wenn deutschsprachige Namibier gegenüber Besuchern aus dem Dscherrieland [Deutschland], für deren karikierende Umschreibung es eine Fülle von Ausdrücken gibt wie Dscherrie, Schneeschieber, Schneeovambo, das Wellblech-, Springbock- oder Südwesterdeutsch anschlagen, dann reflektiert dies das besondere Selbstbewusstsein der [älteren] Sprecher und das Verhältnis zwischen dem Namibia- und dem Bundesdeutschen. Dieser empfindet den Dscherrie als arroganten Besserwisser, der ihm nach wenigen Tagen Aufenthalt Ratschläge für sein Land oder den Umgang mit seinen schwarzen Arbeitern meint geben zu können. Er würde ihn gern nach Dscherrieland zurückschicken, aber er muss einen Plan machen, also gute Miene zum bösen Spiel, weil der deutsche Tourist mit seinem Marieba [Geld] seine Existenz gewährleistet. Das ferne Deutschland wird zwar sehr geschätzt, wenn dabei auch stark märchenhaft verklärt, daneben aber hat sich ein eigenes Selbstbewusstsein des deutschsprachigen Namibiers herausgebildet: Dieser will keinesfalls nach Deutschland zurückkehren, sondern — Hart wie Kameldornholz ist unser Land … — im Land bleiben, seine Plaas [Farm] bewirtschaften, seine Maats [Freunde] koeern [besuchen] und mit ihnen bei Braaifleisch [Grillabend] und Bier kackstohries chesselsen [tratschen].

Deutschsprachige Namibier wachsen in einem dreisprachigen Umfeld auf, aber nur wenige beherrschen neben Deutsch, Afrikaans und Englisch auch eine der autochthonen afrikanischen Sprachen. Die angeführten Beispiele lassen unschwer erkennen, dass der Wortschatz der deutschen Hochsprache um den Wortschatz der anderen zwei europäischen Landessprachen erweitert wird. Die integrierten Afrikanismen und Anglizismen werden grammatisch eingedeutscht und dementsprechend konjugiert und dekliniert. Die Aussprache bleibt phonetisch hochsprachlich ohne dialektische Färbung, die afrikaansen und englischen Wörter erhalten unter Beibehaltung der ursprünglichen Aussprache eine deutsche Intonation: Er leikt besonders das Tiwi wotschen [Er mag besonders gern fernsehen]. 

Durch den Wegfall relativer und konjugaler Anschlüsse werden Nebensätze verkürzt, als Tempi werden wie im Afrikaansen nur Präsens und Perfekt benutzt, die Zukunft umgeht man mit der Wendung:  Ich geh … und der Genitiv ist in Namibia schon lange tot: Das ist dem Plaasbuhr seine Alte [Das ist die Frau des Farmers]. Bei jeder Unterhaltung kann der deutschsprachige Namibier die Dreisprachigkeit und damit den Wortschatz der beiden anderen europäischen Sprachen bei seinem namibischen Gesprächspartner voraussetzen. Bei deutschen Besuchern ist das jedoch nur bedingt der Fall, und es bereitet dem deutschsprachigen Namibier unverhohlene Freude und Genugtuung, dass sein bundesdeutscher Gesprächspartner hochdeutsche Laute hört, die er aber nicht versteht. 

Das Phänomen Wellblechdeutsch hat mehrere Stilebenen: Es wird von den Jugendlichen als eine Art namibisches Szenedeutsch benutzt, es gilt als Bereicherung der deutschen Hochsprache, weil es lexikalische Luecken füllt und die Bedingungen und das Umfeld eines fremden, anderen Landes erfasst, für die keine deutschen Bezeichnungen bestehen – wie z.B. Vlei [eine Senke mit Lehmboden, in der sich bei starken Niederschlägen Wasser sammelt, bis es in der Trockenzeit wieder verdunstet] – und es ist zugleich Sprachverfall, weil die namibischen Sprecher nicht mehr über die Fähigkeit verfügen, alle Lebensgebiete auf Hochdeutsch zu versprachlichen. [...]

Die letzte Feststellung ist zum Teil leider wahr, vor allem im schriftlichen Bereich. Wer je einen Brief oder eine E-Mail aus “Südwest” erhalten hat, weiß, wovon ich spreche — die Hoffnung ist groß, dass dieses Erbe in diesem Blog nicht allzu offensichtlich durchschlägt. Aber dass sich das Deutsche in Namibia nicht halten könne, wird schon seit über 100 Jahren behauptet, aber es existierte nichtsdestotrotz einfach weiter und weiter und weiter … und noch eines: Das Wort “Marieba” oben entstammt doch einer autochthonen afrikanischen Sprache, also alles nicht so schwarzmalen, Herr Gretschel!

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Eine Antwort auf “Deutsch in Namibia: Der Genitiv ist schon lange tot”

  1. Lappies sagt:

    Tänk spinnt manchmal!

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