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So, Apr 29, 2007

Dossier Gesellschaft, etc

Der Brandberg ist eine der wichtigsten archäologischen Stätten im südlichen Afrika. Rund 1.000 Fundstellen sind für die Region dokumentiert – die ganze Landschaft eine Bildergalerie. Die ältesten Bilder sind 4.000 bis 6.000 Jahre alt, doch eine exakte Datierung ist generell aufgrund der Umwelteinflüsse schwierig.

Der Kölner Archäologe Tilman Lenssen-Erz hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Felsmalereien und Felsgravuren am Brandberg in Namibia zu erforschen — er kann auf rund 17.000 dokumentierte Darstellungen zurückgreifen — und hat nun mit empirischen Methoden die auf Stein aufgemalten Handlungen analysiert, da vornehmlich Menschen dargestellt sind. Eine schicke neue Website erlaubt einen Einblick in Lenssen-Erz’ Herangehensweise. Von der Website:


Mann, Frau, Person

Eines der aufsehenerregendsten Forschungsergebnisse des deutschen Brandberg-Forschers Lenssen-Erz: Es gibt drei Geschlechter. Männer, Frauen und “Null-markierte” Personen. Diese “Null-markierten” Personen sind geschlechtsneutral dargestellt. Sie verfügen weder über eindeutige biologische Geschlechtsmerkmale wie Brüste oder einen Penis noch über eindeutige kulturelle Geschlechtsattribute wie Bögen oder Grabstöcke. Doch nicht nur aus diesem grund kann man mit gutem Recht von einem eigenständigen Geschlechtstyp reden. “Null-Markierte” sind mit eindeutigen sozialen Attributen oder Handlungskontexten etikettiert, die sie grundlegend von Männern oder Frauen unterscheiden.

Nicht Mann, nicht Frau – und trotzdem da

Männern, Frauen und “Null-Markierten” sind eindeutige biologische Merkmale und sozio-kulturelle Attribute zugeordnet. Elf Prozent der dargestellten Figuren vom Brandberg sind eindeutig männlich (mit einem Penis ausgestattet). Sieben Prozent der dargestellten menschlichen Figuren sind eindeutig Frauen (haben Brüste).

  • Mann, charakterisiert durch eindeutiges Geschlechtsmerkmal (Penis) und eindeutiges kulturelles Attribut (Bogen)


Aber mehr als zwei Drittel der Figuren weisen keine eindeutigen biologischen Zuordnungkriterien auf. Sie sind “Null-Markierte”, denen weder ein Geschlecht noch ein bestimmtes Alter zugeordnet werden kann.

Das Konzept “Null-markierter” Mensch

Das “dritte Geschlecht” ist eine soziale Kategorie. Hinsichtlich der Stilistik, der Attribute und Handlungsmuster weist das Konzept vom “Null-markierten” Menschen markante Unterschiede gegenüber den Männer- und Frauendarstellungen auf. Im sozio-kulturellen Kontext hat das dritte Geschlecht eine besondere und eigenständige Funktion: Es repräsentiert eine Art “Durchschnittsmann” oder “Durchschnittsfrau”. Charakteristisch ist, dass die Handlungen von Null-markierten Personen(gruppen) – im Vergleich zu Männer- oder Frauengruppen – auf den Betrachter einerseits relativ unkoordiniert wirken, andererseits in der Regel in einem übergeordneten Handlungszusammenhang stehen.

  • Frauen, charakterisiert durch eindeutige Geschlechtsmerkmale (Brüste)


Tilman Lenssen-Erz, einer der besten Kenner des Brandbergs, schreibt: “Bei den Null-markierten Personen tut jede etwas anderes, während die Frauen vereint handeln … Die Tätigkeiten … sind .. meist nicht aufeinander abgestimmt, sondern bestehen aus ganz allgemeinen und unspektakulären Aktivitäten.”

Mobilität

Für Jäger- und Sammler-Gesellschaften sind Gemeinsamkeit und soziale Zugehörigkeit zu einer Sippe entscheidend. Individuelle Eigenschaften sind dann nützlich und erwünscht, wenn sie der Gemeinschaft dienen. Ein bewußtes Abgrenzen von der Gemeinschaft, ein Ausscheren aus dem “main stream” ist hingegen unerwünscht, da es die Überlebenschancen der Gruppe minimiert. Mehr zu diesem Aspekt des 3. Geschlechts ist im Kapitel Anführer, Verführer zu lesen.

  • Gruppe ohne Anführer bei gemeinsamer Verrichtung verschiedener Alltagshandlungen


Die “Null-markierten” Personen repräsentieren drei Werte, die noch heute bei den Jägern und Sammlern im südlichen Afrika (wie auch bei vielen anderen Nomaden und Halbnomaden) eine herausragende Bedeutung haben: die Gemeinschaft, die Gleichheit und die Mobilität. Denn die gemeinsame Erfahrung von Jägern und Sammlern ist die Mobilität, das bewegte Leben auf der Suche nach neuen Nahrungsquellen. Zahlreiche Darstellungen am Brandberg widmen sich dem Thema “Menschen in Bewegung”. Meist erkennt man geschlechtsneutrale Personengruppen, die gemeinsam vom Irgendwo ins Unbekannte ziehen.

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