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Die WM 2010 und die Gewalt in Südafrika

Do, Okt 16, 2008

Dossier Südafrika, Tourismus, WM 2010

Erst dachte seine Frau, es sei eine Maus im Haus, dann vermutete er eine Ratte, doch plötzlich schoss ihm die Ratte mitten ins Gesicht. So beschreibt André Brink, einer der berühmtesten Schriftsteller Südafrikas, die Ermordung seines Neffen Adri in dessen eigenem Haus durch Einbrecher vor kurzem in Pretoria. Vor den Augen seiner Tochter und seiner Frau ließen die Verbrecher ihn dann morgens um halb Drei auf dem Boden verrecken, während sie weiter nach verwertbarem Diebesgut suchten.

Solch brutale Raubmorde sind in Südafrika nichts Ungewöhnliches. Nach Aussage von Herrn Brink haben in einem einzigen Monat 16 bewaffnete Angriffe nur in einem Umkreis von einem Kilometer rund um das Grundstück seines Neffen nördlich von Pretoria stattgefunden. Wenig später — und das ist eher ungewöhnlich — verhaftete die Polizei eine Bande von sechs Männern und stellten ein Laptop und zwei Handys sicher. Das war die Beute, für die Adri mit seinem Leben bezahlte. Dass die Verbrecher nun schon wieder auf freiem Fuß sind, weil die Polizei entscheidende Beweisstücke und die Fingerabdrücke verschlampt hat, das ist wiederum total normal.

Gewaltverbrechen sind zweifellos das größte Problem Südafrikas. Zahlen der Polizei belegen, dass die Mordrate 2007/08 bei 38 pro 100.000 und Vergewaltigungen bei mehr als 75 pro 100.000 lagen. Das ist astronomisch im internationalen Vergleich – die Mordrate der USA lag im letzten Jahr bei 5,6 pro 100.000, in Deutschland bei 2,9!

Diese Zahlen werden sich wohl nicht zur WM 2010 dramatisch verbessern. Zivilisation ist nicht nur kultureller und wirtschaftlicher Fortschritt, sondern bedeutet auch, sich frei bewegen zu können, ohne Angst, überfallen zu werden. Mehr als 15 Jahre nach dem Ende der Barbarei der Apartheid hat sich eine neue Barbarei etabliert.

Von offizieller Seite ist die häufigste Antwort auf die Kriminalität in Südafrika, dass man Kriminalität überall findet. Doch obwohl allein schon der Blick auf die Kriminalitätsstatistik diesen Einwand ins Absurde führt, ist es vor allem die Art und Weise, wie so viele dieser Verbrechen ausgeführt werden, die den größten Schrecken verbreitet.

Ja, Carjacking, Auto-Entführungen, finden wohl auf der ganzen Welt statt. Aber dass man doch noch gleich abgeknallt wird, obwohl man sein bestes getan hat, die Verbrecher nicht zu provozieren, ihnen ohne Zögern die Schlüssel ausgehändigt und zusätzlich das Portemonnaie und das Handy in die Hand gedrückt hat, ist wohl nur in Südafrika in dieser Häufigkeit Usus. Auch Einbrüche sind sicher kein ausschließlich südafrikanischen Problem, aber die Kombination Einbruch mit Vergewaltigung nur in Südafrika so weit verbreitet.

An diese Brutalität werden sich wohl oder übel auch die Gäste der WM 2010 gewöhnen müssen. Vielleicht ist die Ausrichtung der WM der entscheidende Impetus, dass sich die südafrikanische Regierung diesem Problem in aller Ernsthaftigkeit stellt.

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2 Antworten auf “Die WM 2010 und die Gewalt in Südafrika”

  1. Felix sagt:

    BBC News hat kürzlich berichtet, dass es für eine in Südafrika geborene Frau statistisch wahrscheinlicher ist vergewaltigt zu werden als lesen zu lernen. Einfach unglaublich…
    Man kann wirklich nur hoffen, dass die Fussball WM 2010 nicht nur kurz nach Südafrika kommt, sondern evtl. auch längerfristigere und tiefgreifendere Veränderungen anstößt. Sowohl seitens der Regierung vor Ort als auch der Unternehmen und sonstigen Steakholder, die sich als Sponsoren oder was auch immer an dem Event beteiligen.

  2. Der/die/das Namibier-in sagt:

    @Felix, das ist ja wirklich unglaublich, den Vergleich kannte ich noch nicht. Da bin ich sprachlos.

    Wie Du sagst, die WM ist wirklich die einzige Hoffnung, dass sich längerfristig etwas ändert. Aber das wird in jedem Fall ein langer und harter Kampf, die Ursachen für die Gewalt sind vielfältig und häufig auch nachvollziehbar, aber es führt trotzdem kein Weg daran vorbei, dass etwas getan werden muss.

    Natürlich ist das schlicht ein Gebot der Menschlichkeit, aber auch ganz profan eine einfache Kalkulation: Es gibt realistische Schätzungen, dass der Tourismus noch einmal doppelt so groß sein könnte, gäbe es die Gewaltverbrechen nicht.

    (PS: Ich habe den Link hinter Deinem Namen versucht zu reparieren, kann aber leider nichts ausrichten und kann auch nicht erklären, wie das passieren konnte. Sorry!)

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